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Schweizerischer Nationalfonds / Fonds national suisse

SNF: Schulabsentismus hat individuelle und institutionelle Gründe

Bern (ots)

Das Schuleschwänzen wird unterschätzt
In der Schweiz bleibt jeder zweite Schüler der Schule 
gelegentlich fern. Fünf Prozent aller Schüler schwänzen mehr als 
fünf Mal pro Jahr. Dabei spielt die Schulqualität, unter anderem 
die Lehrer- Schüler-Beziehung, eine entscheidende Rolle, wie eine 
vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie ergeben hat. 
Es handelt sich somit nicht um ein rein individuelles Phänomen 
sondern hat auch institutionelle Gründe.
Schulabsentismus ist zu einem ernsten Problem geworden. Nicht 
nur in Deutschland, wo das Thema seit einiger Zeit in den Medien 
hohe Wellen wirft, sondern auch in der Schweiz. An den hiesigen 
Schulen und Bildungsdirektionen wird das Phänomen jedoch 
stillschweigend geduldet und kaum offen diskutiert. Schwänzen gilt 
in Fachkreisen weithin als individuelles Problem.
Margrit Stamm, Professorin für berufs- und sozialpädagogische 
Aspekte des Jugendalters an der Universität Freiburg, hat das in 
der Schweiz kaum erforschte Thema untersucht. Ihre vom 
Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie "Schulabsentismus 
in der Schweiz – ein Phänomen und seine Folgen" beruht auf einer 
Zufallsauswahl von 28 Schulen und rund 4000 Schülerinnen und 
Schülern in neun Kantonen der Deutschschweiz. Die befragten Schüler 
waren zwischen 12 und 17 Jahre alt und auf verschiedenen 
Schulniveaus angesiedelt. 65 Prozent besuchten eine Sekundarschule, 
Bezirksschule oder gymnasiale Vorbereitungsklassen.
Folgende Ergebnisse haben sich gezeigt:
- Rund 50 Prozent aller Schüler haben im Laufe ihrer Schulzeit 
schon geschwänzt. Im internationalen Vergleich liegt diese Zahl 
über dem Durchschnitt. 
- Jeder dritte Schüler schwänzt gelegentlich, das heisst, er ist im 
letzten halben Jahr der Schule mindestens einmal fern geblieben. 
- Fast fünf Prozent der befragten Schüler sind im Laufe der letzten 
sechs Monate mehr als fünfmal einen halben Tag der Schule fern 
geblieben. In der Schweiz gibt es somit mehr massive Schulschwänzer 
als hochbegabte Schüler.
Ferner lässt sich erkennen, dass Schulabsentismus bereits früh 
beginnt: Über ein Drittel der befragten Schülerinnen und Schüler 
hat erstmals zwischen der 4. und 6. Primarklasse geschwänzt. Ob das 
Phänomen in den letzten Jahren zugenommen hat, lässt sich aufgrund 
fehlender Daten nicht sagen. Sicher ist: Es wird unterschätzt. Die 
in der Studie befragten Lehrer täuschten sich deutlich in Bezug auf 
das Schwänzerverhalten ihrer Schüler.
Die Schulabwesenheit wird nach Möglichkeit verborgen: Drei 
Viertel der Schüler geben an, in dieser Zeit alleine zu Hause zu 
sein, den Eltern wird meist Kranksein vorgespielt. In jeder dritten 
Familie sind die Eltern bereit, eine Entschuldigung zu schreiben. 
Jeder fünfte befragte Schüler hat schon die Unterschrift der Eltern 
gefälscht.
Als Grund für das Fernbleiben geben 64 Prozent "Nullbock auf 
Schule"an, 42 Prozent wollen ausschlafen, 40 Prozent bezeichnen den 
Unterricht als langweilig. Diese Aspekte weisen auf eine gewisse 
Schulmüdigkeit und eine ablehnende Schuleinstellung hin. Auch die 
schulischen Anforderungen spielen eine Rolle. 22 Prozent der 
Schüler kommen mit der Lehrperson nicht zurecht und bleiben der 
Schule aus diesem Grunde fern. Auch lassen sich Modelleffekte 
erkennen: «Die anderen machen das auch» (19 Prozent). Wenige 
Schüler geben Mobbing und Bullying als Grund an.
Margrit Stamm bezeichnet die fünf Prozent massiver 
Schulschwänzer als beachtliche Anzahl. Die meisten dieser Schüler 
gelten als Risikogruppe (50 Prozent). Sie besuchen Kleinklassen und 
Schulformen mit Grundansprüchen, weisen die schlechtesten 
Mathematiknoten und wegen hohen Klassenwiederholungsraten die 
höchste Überalterung auf. Ihre Delinquenzbereitschaft ist hoch. 
Ungünstig sind auch die institutionellen Faktoren: Nicht nur die 
Lehrer-Schüler-Beziehungen sind nicht gut bis schlecht, auch das 
schulisches Kontrollsystem ist kaum als solches erkennbar. Die 
restlichen massiven Schulschwänzer (37 Prozent) sind labile 
Schulschwänzer. Sie weisen aktuell keine Risikofaktoren für 
Fehlentwicklungen auf. Auffallend ist jedoch, dass auch bei diesem 
Typus ein stringentes Absenzenwesen fehlt und die Lehrer-Schüler- 
Beziehungen als ungünstig bezeichnet wird.
Die kleinste Gruppe bilden unterforderte oder gelangweilte 
Schüler auf höheren Schulniveaus (13 Prozent). Diese Jugendlichen 
besuchen Schulen mit inkonsistentem Absenzensystem, ihre Beziehung 
zur Lehrerschaft ist gut.
Anhand dieser Ergebnisse wird deutlich, dass Schulabsentismus 
nicht nur als individuelles, sondern auch als institutionelles 
Problem betrachtet werden muss. Die Schulqualität und 
Schulorganisation spielen offensichtlich eine wichtige Rolle. 
Schulen und Bildungsdirektionen sollten das Thema künftig als 
wichtige pädagogische Aufgabe verstehen, empfiehlt Margrit Stamm. 
Neben der Reflexion über Beziehungsmuster und Unterrichtsmerkmale, 
wäre die Etablierung eines wirksamen Absenzensystems wichtig: 
Schulen und Lehrpersonen, die hinsehen und nicht wegsehen, bilden 
die wichtigste präventive Strategie.
Publikationen:
Stamm, M. (2006). Schulabsentismus. Anmerkungen zu Theorie und 
Empirie einer vermeintlichen Randerscheinung schulischer Bildung. 
Zeitschrift für Pädagogik, 2, 285-303.
Stamm, M. (2006). Schulabsentismus: Eine unterschätzte pädagogische 
Herausforderung. Erscheint in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift 
"Die Deutsche Schule".
Weitere Auskünfte:
Prof. Dr. Margrit Stamm
Universität Fribourg, Departement Erziehungswissenschaften
Lehrstuhl Pädagogik und Pädagogische Psychologie
Rue Faucigny 2
CH-1700 Fribourg
Tel: +41 (0)26 300 75 60
E-Mail:  margrit.stamm@unifr.ch
Der Text dieser Medienmitteilung steht auf der Website des 
Schweizerischen Nationalfonds zur Verfügung: 
www.snf.ch/medienmitteilung

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