Bundespräsident Moritz Leuenberger

Sperrfrist: 01.09.2001, 11.00 Uhr: Gebt dem Kaiser, was die Kirche denkt

Ansprache von Bundespräsident Moritz Leuenberger beim Schlussakt der "Oekumenischen Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz" Heiliggeistkirche Bern (ots) Immer wieder habe ich die Kirche zu gesellschaftlicher Einflussnahme, auch zu solcher in die Tagespolitik ermutigt. Wieso eigentlich? Ist die Kirche denn mehr als einfach einer von vielen Faktoren, welche Gesellschaft und Staatswesen mitbestimmen, prägen und gestalten, mehr als die Medien, die politischen Parteien oder die Wirtschaft? Ist es denn nicht so, dass all diese Kräfte in einer gegenseitigen Konkurrenz um möglichst starken Einfluss auf die Gesellschaft stehen, das heisst um Macht ringen? Muss ich nicht feststellen, - dass ich im gegenseitigen Verhältnis all dieser Kräfte zueinander (im Gegensatz zu der Parole von "mehr Freiheit - weniger Staat") stets das Primat der Politik betont habe, weil in der Demokratie oder dem Gemeinsinn die stärkste Legitimation liegt? - Muss ich nicht feststellen, dass ich der Wirtschaft abgesprochen habe, auf den Märkten die legitimen Interessen der Schwachen wahrnehmen zu können - dazu gehören künftige Generationen oder die Umwelt; - dass ich den Medien kurzatmiges Geschnatter, das Drehen an der Reizspirale von Spektakel und Skandal vorgeworfen habe, ihr die aufklärerische Glaubwürdigkeit abgesprochen und deswegen auch hier das Primat der Politik für die Arbeit in der Demokratie reklamiert habe? - Ist es denn nicht so, dass die Aufklärung, die das rationale Fundament meines Denkens darstellt, eine Trennung von Kirche und Staat eingeleitet hat und damit auch wieder der Ueberzeugung von Jesus entsprach: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist? Sollte ich - aufklärend denken wollend - diese Trennung nicht fortsetzen, statt sie zu verwischen? Wieso ermutige ich die Kirche dazu, aktiv und korrigierend Einfluss zu nehmen auf die Politik, statt zwischen Kaiser und Kirche strikte zu trennen? Ich habe einen Verdacht, und diesen muss ich mit mir selber zunächst bereinigen. Den Verdacht nämlich, dass ich mir von der Kirche einfach eine Unterstützung meiner eigenen Positionen in der politischen Auseinandersetzung erhoffe. Dass ich also davon ausgehe, im Kampf um ein CO2 Gesetz müsse die Kirche doch einfach auf meiner Seite stehen; in der Frage der Gentechnologie müsse sich doch die Kirche für gesetzliche Dämme gegenüber ungebremstem und unreflektiertem Treiben engagieren; in der Verkehrspolitik müsse die Kirche doch sicher für eine nachhaltige Verlagerung von der Strasse auf die Schiene sein; und bestimmt kämpfe die Kirche - Ihr Papier beweist es - für die Einbürgerung der zweiten und dritten Ausländergeneration in der Schweiz und für einen UNO-Beitritt. Das aber darf aus zwei Gründen niemals das Motiv sein, die Kirche politisch anzuspornen. Zum ersten würde ich so in der Kirche ja nur gerade eine Hilfskraft für meine eigene Ueberzeugung sehen, ein moralisches PR-Büro gleichsam, das sich im Namen des Himmelreiches gegen eine zweite Röhre am Gotthard zu sperren hätte. Dies ist nicht legitim und kann darüber hinaus gefährlich werden, wie die Geschichte zeigt. Denken wir etwa an "Beckett oder die Ehre Gottes" von Jean Anouilh. Gefährlich war es in diesem Falle zunächst für den König, weil der Freund, den er zum Erzbischof machte, sich seiner Politik zu widersetzen begann. Tödlich wurde es schliesslich für den Erzbischof, weil er vom König ermordet wurde. Vermeiden möchte ich auch einen weiteren Irrtum, dem zu unterliegen Politiker mitunter Gefahr laufen. Es ist der Irrtum, die Kirche solle die Antworten auf schwierige ethische Fragen geben, etwa bei der Sterbehilfe oder bei der Gentechnologie. Dies wären Antworten, die mir die eigenständige Benutzung meines Gewissens, die Arbeit ethischer Reflexion, damit aber auch die aktive Auseinandersetzung mit der politischen Gegenposition abnehmen. Ich könnte dann bloss noch auf die Resultate, die mir die Kirche liefert, verweisen. Die Kirche kann mir diese Arbeit aber nicht abnehmen, und ich darf sie mir auch nicht abnehmen lassen. Also nochmals: Wieso denn ermuntere ich die Kirche zu politischem Einsatz? Eine Antwort orte ich darin, dass ich nicht nur Politiker bin, sondern ebenfalls Mitglied der Kirche. Einverstanden, ich bin auch Mitglied einer Partei. Aber das ist nicht dasselbe. Dieser bin ich einmal beigetreten; ich könnte ohne weiteres auch wieder austreten - wie aus jedem Verein. Aber: kann ich aus der Kirche austreten? Formal kann ich es, und ich habe die Zeit erlebt, als dies eine politische Mode gewesen ist. Doch wenn ich mich als Mitglied der Kirche weiss, so meine ich dies nicht formal, nicht als Steuerzahler. Ich meine es grundlegender: Ich glaube nicht, dass ich in der Lage wäre, der Kultur den Rücken zu kehren, in der ich aufgewachsen bin und die seit vielen Jahrhunderten vom Christentum - und vom Judentum! - geprägt ist, unsere ganze Gesellschaft prägt, die mich, mein ganzes Denken, Empfinden und Handeln ausmacht. Ich glaube nicht, dass ich mich als Individuum dieser christlichen Kultur entwinden könnte, wie dies der Existenzialismus meinte. Ich will damit nicht eine Theorie aufstellen. Aber die Verflechtung von Staat, Gesellschaft und Christentum ist nicht bloss eine institutionelle, sondern auch eine kulturelle Tatsache. So ist es wohl zu erklären, dass ich mich als Teil der Kirche fühle, und dass ich als Teil dieser Kirche von ihr erwarte, dass sie sich gesellschaftlich einbringt, dass sie Verantwortung wahrnimmt. Als Mitglied der Kirche will ich dann aber durchaus, dass sie zu konkreten Lösungen kommt, beim Bankgeheimnis, bei den Sans-papiers, bei der Organ-Transplantation, bei der Sterbehilfe. Dabei weiss ich durchaus: Da gibt es nie eindeutige und einfache Lösungen, auch wir Christen sind nicht vor Fehlurteilen geschützt und haben kein Wahrheitsmonopol. In Ihrem "Wort der Kirchen" haben Sie - man spürt es dem Papier an - um Bekenntnisse gerungen. Sie haben abgewägt, Sie haben es sich nicht leicht gemacht. Die Kirchen haben ja verschiedene Antworten, bei der Fristenregelung oder der Homosexualität zum Beispiel. Gerade diese Tatsache, dass es in keiner Kirche - und daher auch nicht in der Oekumene - einfache und unbestrittene Antworten und Lösungen gibt, unterstreicht einmal mehr, wie wichtig der Diskurs als solcher, wie wichtig die Befragung und Schärfung des eigenen Gewissens ist. Auch wenn nach dem Fall der Berliner Mauer der damalige US-Präsident Bill Clinton jubelte: "Alles ist möglich", so ist das geistige Vakuum, welches entstanden ist, nicht zu übersehen. Wie füllen wir die geistige Leere, die wir nach dem Zusammenbruch des Sozialismus empfinden? Die blosse Bekämpfung der Globalisierung genügt jedenfalls nicht (selbst wenn diese Frage sich zum neuen "Entweder-Oder", als Nachfolgerin des Links-Rechts-Grabenkrieges, zu entwickeln scheint). Trotz aller betrüblichen Bekenntnisse zu Holzschnittpolitik ist es doch so, dass es durchaus ein Bedürfnis der Politik, der Wirtschaft und der Medien gibt, ethische und moralische Fragen zu diskutieren. Und da richten sich manche Augen hilfesuchend auf die Kirche. Wenn nämlich Begriffe wie Gerechtigkeit und Gleichheit nach rein politischen Theorien oder Manifesten, etwa einer liberalen Ordnung oder einer sozialen Marktwirtschaft oder einer sozialen Demokratie, diskutiert werden, wird ja im Grunde genommen doch bloss um die jeweils eigenen Interessen gefeilscht. Diese werden dann ideologisch verbrämt, und wir finden die theoretischen Grundlagen dieses angeblich rationalen Diskurses schon bei Aristoteles, welcher Gerechtigkeit als einen stetigen Tausch verschiedener materieller und immaterieller Güter analysierte. Ein politisches Manifest hilft also heute dem Gesetzgeber, der Gerechtigkeit verantwortungsvoll organisieren will, kaum weiter. Das zeigt uns die Diskussion um Managergehälter oder um Steuerbelastungen verschiedener Gemeinden deutlich. Zu Fragen der Solidarität und sozialen Gerechtigkeit bieten die katholische und die evangelische Soziallehre einen viel direkteren und einfacheren Zugang. Die grosse Aufgabe, aber auch Schwierigkeit ist es, diese zu vermitteln. Diese Vermittlung darf nicht "ex Cathedra" in religiöser Sprache erfolgen, sondern muss in der weltlichen, politischen Sprache, also mit sachlicher Ueberzeugungskraft erfolgen. Institutionell sollen sich Kirche und Kaiser nicht vermischen, aber was die Kirche denkt, muss sie dem Kaiser geben. Mit der ökumenischen Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz haben Sie diesen wichtigen Schritt getan. Ich danke Ihnen dafür, als Bundespräsident, und als Mitglied der Kirche.

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