Staatskanzlei Luzern

Kanton Luzern bittet Opfer um Entschuldigung: «Was passiert ist, darf sich nicht wiederholen!»

Luzern (ots) - Der Luzerner Regierungsrat hat den Zwischenbericht des Historikers Markus Furrer über die Vorkommnisse in Luzerner Kinder- und Jugendheimen vorgestellt. «Wir bitten Sie als Betroffenen um Entschuldigung. Was passiert ist, darf sich nicht wiederholen!», sagte Guido Graf im Namen der Luzerner Regierung den Menschen, welche von 1930 bis 1970 von den Übergriffen betroffen waren. Die Abschlussarbeit soll nun die Vergangenheit in den Luzerner Kinder- und Jugendheimen vertieft ausleuchten sowie aufzeigen, welche Lehren für die Zukunft gezogen werden können.

Zwischenbericht zeigt Mängel im System deutlich auf

Der Regierungsrat hatte 2010 dem Historiker Markus Furrer den Projektauftrag zur Erarbeitung eines Berichtes zu den Vorfällen erteilt und eine Anlaufstelle für ehemalige Heimkinder eingerichtet. Furrer hat die Zeit der 30er bis 70er Jahre untersucht unter Berücksichtigung der damaligen gesellschaftlichen Werte und Erziehungspraktiken. Der vorliegende Zwischenbericht stützt sich auf 27 Gespräche und drei schriftliche Berichte von Betroffenen sowie auf vorhandene Dossiers und Archivmaterialien.

Furrer schreibt im Bericht, «dass das ganze System der einweisenden Behörden und der verschiedenen Aufsichtsbehörden versagt hat». Viele Einzelpersonen und auch damalige Behörden hätten grosse Fehler begangen und die Strafpraktiken hätten «in vielen Fällen ein damals akzeptiertes Mass deutlich überschritten», heisst es weiter. Einige Heimkinder hatten harte Strafen und Gewalt erfahren. Es kam auch zu Fällen von sexuellem Missbrauch. Die Strafpraktiken und sexuellen Übergriffe hinterliessen bei den Betroffenen psychische und physische Narben. Markus Furrer und sein Team zeigen im Bericht auf, «dass das System Heimerziehung grosse Mängel aufwies, sei es in Bezug auf die Strafpraxis und das Erziehungswesen generell sowie bezüglich der wahrgenommenen Aufsicht».

Der Kanton Luzern bittet die Betroffenen um Entschuldigung

Aufgrund der Faktenlage im Zwischenbericht sieht sich der Regierungsrat als heutiger Vertreter der damaligen Behörden in der moralischen Mitverantwortung. Die Regierung bittet deshalb die Betroffenen für das geschehene Leid um Entschuldigung. «Die Schilderungen sind erschütternd und haben mich sehr bewegt!», sagte Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf an einem Treffen mit den Betroffenen. Er hat diejenigen Personen, welche sich bei der Anlaufstelle gemeldet hatten, eingeladen und sie im Namen der Gesamtregierung im persönlichen Gespräch um Entschuldigung gebeten: «Der Regierungsrat bedauert die Vorkommnisse in den Luzerner Kinder- und Jugendheimen und die damit verbundenen psychischen und physischen Verletzungen. Als Zeichen des Mitgefühls und der Anerkennung des Leids bittet er Sie in aller Form um Entschuldigung, dass sich die damaligen kantonalen Instanzen zu wenig um das Wohl der betroffenen Kinder und Jugendlichen gekümmert haben und nicht hingeschaut, nicht hingehö rt und nicht eingegriffen haben, als es nötig war.»

Rund 40 Personen sind der Einladung gefolgt und nahmen die Entschuldigung entgegen. Viele der Anwesenden zeigen sich erleichtert und sehr dankbar über die Worte von Regierungsrat Guido Graf. Luzern leiste mit diesem Vorgehen Pionierarbeit, sagte einer der Teilnehmer.

Zwischenbericht als Grundlage für Aufarbeitung der Vorkommnisse

Der Regierungsrat sieht weiteren Handlungsbedarf für eine vertiefte Aufarbeitung der Vorkommnisse in den Kinder- und Jugendheimen. Deshalb hat der Regierungsrat nach dem Zwischenbericht eine Abschlussarbeit in Auftrag gegeben. Für Markus Furrer ist denn auch klar: «Im Zwischenbericht wurden erste Resultate gezeigt, vieles konnte erst skizziert werden. Die Vertiefung und Erweiterung der Analysen ist Sache der Abschlussarbeit und weiterer wissenschaftlicher Arbeiten.»

Die Abschlussarbeit soll einzelne Aspekte in den früheren Luzerner Kinder- und Jugendheimen näher ausleuchten. Weiter soll die Arbeit aufzeigen, welche Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden können. Guido Graf betont: «Was in den Kinderheimen und Erziehungsanstalten geschehen ist, darf sich nicht wiederholen.»

Anhänge:

- Zwischenbericht

- Entschuldigung

- Bild 44 «Irmgard Dürmüller Kohler, Leiterin Dienststelle Soziales und Gesellschaft, Prof. Markus Furrer, Historiker, Regierungsrat Guido Graf, Vorsteher der Gesundheits- und Sozialdepartements, Judith Lauber-Hemmig, Anlaufstelle für Betroffene»

- Bild 54 «Regierungsrat Guido Graf, Vorsteher der Gesundheits- und Sozialdepartements»

Anhänge:

http://www.lu.ch/download/sk/mm_photo/8771_20110317_GSD-ZB.pdf

http://www.lu.ch/download/sk/mm_photo/8771_20110317_GSD-ES.pdf

http://www.lu.ch/download/sk/mm_photo/8771_44-kinderheime.jpg

http://www.lu.ch/download/sk/mm_photo/8771_54-kinderheime.jpg

Kontakt:

Regierungsrat Guido Graf
Tel.: +41/41/228'60'85 (14.45 - 15.45 Uhr)

Professor Markus Furrer
Tel.: +41/41/340'07'39 (16.00 - 17.30 Uhr)



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